Schmerzherz

Es ist anders als sonst.

Die Schmerzen kommen, die Schmerzen gehen…

nach einigen Tagen.

Bei dir war es anders.

Die Schmerzen kommen, die Schmerzen werden stärker,

mit jedem Tag.

 

Ich habe lange auf ein Zeichen von dir gewartet,

aber es kam nichts.

Plötzlich warst du einfach weg und es tut weh.

Mit jedem Tag der vergeht.

 

Mein Herz zerfrisst meinen Kopf und der schreit immer wieder:

„Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr.“

Ich weiß nicht mehr was richtig ist.

Die Schmerzen kommen, die Schmerzen werden stärker,

mit jedem Tag.

 

Es ist anders als sonst.

Ich kann jeden gehen lassen und muss es nicht verstehen.

Bei dir war es anders.

Du bist einfach verschwunden und ich fühl mich leer.

 

Ich habe lange geweint und gewartet,

aber du kamst nicht zurück.

Mit jedem Tag der vergeht,

tut es immer mehr weh.

 

Mein Herz liegt schwer in meiner Brust

Und mein Kopf weiß was er tun muss,

ich werde dich gehen lassen

und dich auch nicht dafür hassen.

Ich will nur eines sagen,

denn ich kann es nicht mehr ertragen:

Bitte komm nie wieder.

 

 

Die bessere Hälfte

Viele haben sie ja schon, einige suchen sie noch und viele verwenden sie vollkommen falsch: Die „bessere Hälfte“. Während ich eher auf der Suche nach der besseren Obsthälfte bin, der besseren Gesichtshälfte, der besseren Lebenshälfte, da ist mir eh nicht mehr zu hälfen. Im Sommer aber, haben sich schon wieder zig andere Hälften gefunden. Aber ich bleibe vielleicht auch lieber bei Kuchen, denn man sollte doch gar nicht nach einer „besseren Hälfte“ suchen, niemals. Denn sind wir nicht voll und ganz gut, oder vielleicht sogar besser, so wie wir sind? Denn ist man so wunderbar zufrieden mit seinem eigenen, großen Ganzen und findet dann noch ein anderes, wunderbares Ganzes, dann ist man doch viel besser als all diese „besseren Hälften“ miteinander. Zusammen ist dann niemand eine Hälfte, zusammen ist man gemeinsam besser. Und wenn man dann lange getrennt war und sich endlich wieder in die Arme schließt, dann kann man mit wahren Worten sagen: „Weißt du, ich habe dich vermisst. Nicht, weil ohne dich nichts Spaß macht, das tut es sehr wohl, sondern weil es mit dir einfach um so viel mehr Spaß macht.“

Wahre Worte

Ich beobachte deine Lippen, deine Zähne, die kurz dazwischen hervor blitzen. Ich mag deine Lippen. Ich mag dich. Ja, wirklich. Das kommt nicht oft vor aber, ja, ich mag dich. Deine Zunge formt leise Worte, als wäre alles wahr was du mir nun sagen wirst. Als wäre es ein großes Geheimnis, aber warum fällt es dir dann so leicht es auszusprechen? Vielleicht sind wahre Worte immer leicht auszusprechen, vorallem dann, wenn man sie doch gar nicht so meint. Du redest von Zuneigung. Du redest von uns. Es ist so leicht sich in Worte zu verlieben und so schwer sie nicht zu glauben.

Aber erzähl mir: Wann hast du das letzte Mal wahre Worte gesagt? Wie lang ist es her? Kannst du dich erinnern?

Impulsive Worte, Blicke und deine Lippen bewegen sich so langsam und bedacht, als wäre alles wahr, was du mir erzählst. Mein Herz fühlt sich hingezogen zu jedem einzelnen deiner Sätze. Deine Worte beflügeln mich und sie nehmen mich an die Hand. Sie tragen mich auf den höchsten Gipfel des höchsten Berges den wir uns vorstellen können. Dort, am höchsten Ort der Welt, da ist die Aussicht so wunderschön.

Aber erzähl mir: Wann hast du das letzte Mal wahre Worte gesagt?

Es ist kalt hier oben, am höchsten Gipfel. Die Aussicht wirkt plötzlich bedrohlich, der Boden zu glatt für einen Abstieg. Ich lasse mich fallen, aber deine Worte, sie retten mich nicht. Du hälst nicht was du versprichst und überhaupt war alles gelogen. Liebe, wahre Worte, hattest du versprochen. Der Aufprall tut weh. Ich liege lange Zeit einfach da, erhebe mich dann langsam vom Boden der Tatsachen und sehe hinauf zum höchsten Gipfel, auf dem du immer noch die Aussicht genießt. Schwer verletzt, da rede ich von Hass. Impulsive Worte, Blicke und meine Lippen bewegen sich so langsam und so bedacht, als wäre alles wahr was ich sage. Aber ich will doch immer sagen was ich meine und will immer und immer meinen was ich sage und da soll nie etwas dazwischen sein. Hassen also kann ich dich nicht, denn dafür liebe ich dich zu sehr… und das sind wahre Worte.

Vermissen und Vergessen

Vermissen tut weh. Erst ganz stark und dann, nach einiger Zeit, da wird es einfacher, nur um nach noch längerer Zeit wieder genauso schmerzhaft zu sein wie zu Beginn. Es tut weh, verdammt nochmal, es tut weh. „Ablenken“, sagen sie alle, „du musst dich ablenken.“ Dann streift man also durch die Straßen der Stadt, auf der krampfhaften Suche nach etwas Beschäftigung, die nichts vermissen lässt. Man schlägt Bücher auf, um endlich in andere Geschichten abtauchen zu können, aber irgendwie scheinen die Gedanken ihr eigenes Leben zu führen und wandern durch die Straßen der Erinnerung auf der krampfhaften Suche nach vergessenen Erlebnissen. Dann lässt man irgendeinen Film vor den Augen flimmern, aber im Kopf kommt er nicht an, weil immer wieder diese verdammten Erinnerungen dazwischen kommen. Vermissen ist wie eine Krankheit die auskuriert werden muss. Decke, Wärmflasche, Taschentücher zur Hand und abwarten. Die Depression kommt dann und wann vorbei und macht dir einen Tee, du nimmst ihn dankend an und lädst sie ein sich etwas zu dir zu gesellen. Wenigstens die Depression ist eine Sache die man nicht vermissen muss.

Es ist ein ewiges Auf und Ab, immer zwischen großer Sehnsucht und noch größerer Sehnsucht. Nichts scheint zu helfen. Es gibt kein Heilmittel gegen das Vermissen, denn nur die Zeit heilt alle Wunden, so war es doch schon immer. Verletzungen verheilen, Lücken werden gefüllt und das Vermissen durch das Vergessen ersetzt. Es fängt erst ganz heimlich an, da vermisst man nicht mehr jeden Tag, sondern nur noch jeden zweiten. Dann wird das Vermissen nicht mehr das Erste sein woran du denkst, sondern nur noch das Zweite. Und dann, dann hat man ganz vergessen zu vermissen und erinnert sich nur noch, ganz vielleicht.

Eines Tages, da ist dann dieser Duft, oder diese Farbe, oder dieser eine Moment. Dann vermisst man wieder, aber nur ganz kurz, ein leiser Schrei der Vergangenheit. Die Gedanken wandern dann wieder die Erinnerungsstraße entlang, aber anstatt traurig vor sich hin zu schlendern, spazieren sie dann dankbar und glücklich dahin. „Erinnerst du dich noch…“ werdet ihr dann sagen: „… das war wirklich schön.“

Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit

Ich will sie und ich nehme sie mir. Sie folgt mir auf Schritt und Tritt und aufgeben werde ich sie nie. Die Freiheit ist alles was ich brauche und wie mir dieses Teebeutelpapier schon sagt: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit“. Und während ich so an meinem Ingwer-Zitrone-Tee schlürfe, fällt mir auf wie unendlich frei ich bin. Frei in allem was ich tue. Also bin ich demnach auch glücklich. Oder etwa nicht?

Nicht jeder hat die Freiheit die wir genießen dürfen. Jetzt, in diesem Moment, kannst du vor die Türe gehen und einfach los laufen, ohne Ziel, ohne Grenzen. Wir haben die Freiheit zu jeder Tageszeit einfach abzuhauen. Im Supermarkt können wir kaufen was wir möchten und wenn wir nichts kaufen, dann haben wir die Freiheit mit leeren Händen auch einfach wieder zu gehen. Hier sind wir frei zu lieben wen wir wollen und wann wir wollen und wie viel wir wollen und ich muss nur können und nie müssen und wenn ich keine Lust mehr habe, dann gehe ich und lasse alles hinter mir. Ich bin sogar so frei, dass ich über allem schwebe und nach unten blicke, auf all die Leute die sich selbst Fesseln anlegen. Ich schwebe von einem Ort zum Nächsten und bin einfach nur frei dabeifrei, zu sein. Ich muss nie müssen und immer nur können und wenn ich nicht mehr kann, dann schwebe ich einfach davon. Dann schwebe ich immer höher und schwebe viel zu schnell davon, weil ich so zwanghaft frei sein will, dass ich irgendwann gar nicht mehr weiß, wohin ich eigentlich gehöre. Ich versuche mich mal an einem Ort, mal an einem anderen. Ich versuche mich mal in diesem, mal in jenem, aber die Freiheit schickt mich rastlos immer weiter. Und glücklich muss ich sein, ich, mit meiner Freiheit. Aber je freier ich bin, desto weiter treibe ich fort und sitze irgendwann auf einem hohen Baum weit weg von all dem was ich muss und blicke hinab in die glücklichen Gesichter der Anderen. Zusammen mit meiner Freiheit sitze ich dann da und sie sieht mir ins Gesicht. Aber ich weiß nicht, ob ich ihren Anblick noch länger ertrage, weil sie mich nur wieder weiter davon fliegen lässt, von allem, was mir doch eigentlich wichtig sein sollte. Die Freiheit ist alles was ich brauche und irgendwann, da ist sie alles was ich noch habe. Keiner bemerkt, wie einsam die Freiheit doch macht.
Wenn da dann also etwas ist, für das es sich lohnt an einem Ort zu bleiben, dann bleibe ich stehen. Oder wenn da jemand ist, der mich fragt hier zu bleiben und nicht mehr davon zu schweben, dann habe ich keine Angst und nehme dessen Hand.
Wenn es mich glücklich macht mein Herz an etwas zu ketten, dann schwebe ich nicht mehr davon. Man legt sich dann auch keine Fesseln an und sperrt sich auch nicht in einen Käfig. Man nimmt sich nur ganz fest an den Händen und lässt nicht los, damit man nicht wieder, aus Versehen, davon schwebt.

Das Geheimnis des Glücks mag in der Freiheit stecken, aber manchmal ist es weniger einsam, einfach mal, nicht immerzu, frei sein zu müssen.

Ein Abschiedsbrief

Hey,

um ehrlich zu sein weiß ich gar nicht wie genau ich anfangen soll oder wo. Ich musste gerade an dich denken. Um ehrlich zu sein muss ich in letzter Zeit sogar sehr oft an dich denken. Es ist lange her als ich dich zuletzt gesehen habe und manchmal glaube ich sogar einige Dinge komplett vergessen zu haben. Im Grunde, da bin ich mir sicher, vermisse ich dich auch gar nicht, aber an manchen Tagen, da begegnest du mir wieder irgendwo. Ich schnappe deinen Namen in fremden Gesprächen auf, oder sehe dich auf Postern in Schaufenstern und dann finde ich mich selbst wieder in diesen total verwirrenden Rückblenden mit uns beiden.

Ich kann das mit uns nur dann endgültig abschließen, wenn ich diese paar Sachen los werde und es ist mir egal ob es dich interessiert oder nicht. Mir ist bewusst dass ich nur eine von vielen für dich war. Als das mit uns angefangen hat, oh Gott, es war toll. Wirklich. Ich bereue nichts an diesen ersten Wochen die wir gemeinsam hatten. Du warst aufregend und neu für mich und ich wünschte es wäre für immer so geblieben, aber das hat dieses euphorische Verliebtsein so an sich: es hält nie lange an. Nach und nach wurdest du so wahnsinnig gestresst. Gerade in den letzten Jahren wurde es immer schlimmer. Ich habe mich immer gefragt ob es vielleicht nur an mir lag, das ich der Grund für alles war, oder ob du dich einfach so verändert hast. Ich bin ein sensibler Mensch und anstatt mir gerade in den nervenaufreibenden Zeiten zu helfen, mir etwas Gelassenheit und Halt zu geben, hast du mich nur weiter in dieses Loch aus Hektik und Depression getrieben. Machst du das mit allen so? Dabei hatte meine Mutter oft geschwärmt von dir und immer wenn sie von dir erzählt hatte, dann klebte ich förmlich an ihren Lippen und dachte: „Ja, das alles will ich!“ Als ich dann endlich auf dich traf, da mochte ich dich wirklich gerne und dachte das wird etwas Ernstes mit uns, etwas Langfristiges, aber alles ist an deinem Stolz und deiner unnötigen Arroganz zerbrochen und ich frage mich bis jetzt wieso. Wieso bist du so? Du versetzt mich noch immer in Rage wenn ich daran denke, dass es da nichts an dir gibt worauf du nicht stolz bist. Selbstverliebtes Arschloch! Und Gott, du bist so alt geworden. Ist dir das überhaupt bewusst? Ich denke, vielleicht ist genau das der Grund für alles. Deine falsche Eitelkeit, dein eingebildeter Stolz, der unnötige Stress. Alles zerbrach letztlich daran.

Ich habe da jetzt eine neue Liebe und sie ist gut zu mir. Natürlich nicht jeden Tag. Es gibt Tage da liebt man sich nun mal mehr und an anderen, da liebt man sich weniger. Vergleiche anzustellen würde keinem von euch beiden gerecht werden und ist an dieser Stelle auch unnötig, aber eines sage ich dir: Diese neue Liebe ist stürmisch und wild und jeder Tag ist ein großes Abenteuer. Auch wenn ich noch oft an dich denke und irgendwie wohl immer ein Teil meines Herzens an dir hängen wird, aber es gibt da so viel mehr, von dem ich vorher gar nichts wusste und ich bin froh es jetzt gefunden zu haben.

Ich wollte dass du das weißt München. Ich liebe jetzt Berlin.

Die große Liebe

Ich frage mich wie es so weit kommen konnte. Sie ist weg. Niemand sucht nach ihr, niemand vermisst sie und jeder scheint besser ohne sie klar zu kommen. Die Suche nach der großen Liebe hat im Jahre 2015 nun ihr trauriges Ende gefunden. Wir haben das „glücklich bis ans Ende aller Tage“ ermordet, kaltblütig.

Jede zweite Ehe wird geschieden, das ist Fakt. Und viele können mir zustimmen das Liebeskummer und ein gebrochenes Herz mit zu den schlimmsten Dingen gehören die einem passieren können. Wieso sich also weiter der Enttäuschung hingeben? Wir haben beschlossen nicht mehr nach der großen Liebe zu suchen. Vielleicht haben wir keine Zeit mehr, vielleicht wollen wir auch einfach nicht mehr verletzt werden.

Ausgehend von Männern in Leggings müsste unsere Zeit nur so vor Prinzen strotzen, aber ernsthaft: uns ist bewusst dass es diesen schimmernden Jüngling auf dem anmutigen, weißen Ross nicht gibt. Er wäre sowieso nicht mein Typ, da bin ich mir sicher. Ein Seelenverwandter wäre schön. Der wird einem ja immer zugesprochen. Einmal im Leben findet man seinen Seelenverwandten, nicht wahr? Das ist sozusagen das Recht eines jeden Menschen. Aber was ist wenn bereits jemand anderes die größte Verwandtschaft der Seele inne trägt mit dem aber eine Partnerschaft gar nicht möglich wäre? Oder noch schlimmer, was ist, wenn der einzige Seelenverwandte der für einen vorgesehen ist am anderen Ende der Welt lebt? Das Seelenverwandtschaftsrecht ist somit hinfällig.

Stattdessen retten wir uns von diesen „sprich-das-Wort-Partnerschaft-niemals-aus“- Beziehungen in die „wir-hatten-da-mal-was“-Affären, immer auf der Suche nach der maximalen Einfachheit des Seins, wir wollen uns ja auch schließlich nicht verbiegen. Da soll noch genug Zeit für all die anderen Dinge sein die man nur machen kann wenn man eben unabhängig ist. „Ich mag dich, aber auf etwas Festes kann ich mich nicht einlassen.“ „Für eine Beziehung habe ich gar keine Zeit.“, oder „lass uns Freunde sein die es eben ab und an krachen lassen.“ All das steht in den Märchenbüchern unserer Zeit und irgendwie haben wir es einfach akzeptiert. Was ist also mit uns passiert dass wir aufgehört haben zu suchen und uns lieber wieder in eine nicht halbe, – nicht ganze Beziehung werfen, ob nun mit einem Freund oder einem völlig Fremden?

Wenn ich so zurück an all diese Liebschaften denke, vergangen, oder aktuell, für kurze Zeit oder längerfristig, regelmäßig oder nur ab und an, dann kann ich nicht sagen dass dort keine Liebe war. Vielleicht ist dort sogar mehr Liebe gewesen als es bei jahrelangen Partnerschaften der Fall ist. Jeden von ihnen liebte ich auf eine andere Art und Weise. Ich hab die große Liebe genommen und sie in tausend Stücke zerbrochen damit jeder etwas davon haben kann. Wir lieben nicht weniger als früher, wir lieben nur anders. Wir lieben in vielen kleinen Stücken die ein Ganzes ergeben. Liebe mit Höhen und Tiefen. Mal dramatisch, mal spannend, mal langweilig. Aber wir lieben, immer noch, und wir verlieben uns einfach in so viele Menschen und in so viele Dinge, deshalb geht sie auch nicht verloren, die Liebe. Sie ist da, überall.

Guck mal, Papa!

Du bist nicht alleine. Glaub mir, es schleicht sich bei uns allen ein. Wir, die ewigen Aufmerksamkeits-Hascher. Wir, die immer nach Stolz lechzen. Wir, die wir immer im Mittelpunkt stehen wollen. Wir mit dem Vaterkomplex.

Er äußert sich nicht bei allen gleich. Einige bemühen sich gar nicht erst ihn im Zaum zu halten und lassen ihrem Zwang freien Lauf und jeder darf dann daran teilhaben. Man findet die Betroffenen überall, wenn man nur genau hinsieht. Man erkennt dann die Mädchen die in der U-Bahn leise aufstöhnen wenn sie einen Familienvater mit Kleinkind im Arm beobachten. Man sieht sie dann Hand in Hand mit einem Mann im Park spazieren. Er ist mindestens doppelt so alt wie sie. Er kauft ihnen ein Eis, wenn sie brav sind, und küsst sie liebevoll auf die Stirn. Man sieht dann auch die Jungs, wie der da drüben, der mit der großen Klappe, der sich von nichts und niemandem etwas sagen lässt: „Ich scheiß auf Regeln.“ und rotzt in die Ecke.

Viele allerdings, können ihren Komplex gut verstecken. Halten ihn mit Ketten unter dem Bett gefangen, vielleicht in einer kleinen Erinnerungskiste mit Fotos von damals. Man erkennt sie schwer und oft entpuppen sie sich erst nach einiger Zeit der Bekanntschaft. Sie reißen dann coole Sprüche in Gegenwart ihres Vaters, damit er denkt wie verdammt verwegen sein Sprössling doch ist. Sie machen sich zum Affen und lachen laut auf damit er denkt wie verdammt humorvoll und unterhaltsam sein Sprössling doch ist. Und dann philosophieren sie über Politik und diesen ganzen Kram, der sie sonst nicht die Bohne interessiert, nur damit Papa denkt wie verdammt intelligent sein Sprössling doch ist. Irgendwann treiben sie es dann soweit,  dass sie sich einen Strohhalm in die Nase stecken und erwartungsvoll den Blick ihres alten Herrn suchen. Er lacht nicht, er sieht nicht einmal hin. Dann fühlen sie sich ertappt, aber aufhören können sie nicht. Es ist wie eine Sucht.

Der Vaterkomplex ist eine ganz faszinierende Sache, er ist wie eine nervige Angewohnheit die man nicht los wird. Je mehr man sich dem hingibt, desto tiefer fällt man. Wir sollten der Tatsache ins Gesicht sehen: da ist diese Leere die wir einfach nicht füllen können und mittlerweile ist es einfach zu spät um zu erwarten dass Daddy die Leere schon irgendwie füllen wird. Er hat es damals nicht geschafft und wird es auch jetzt nicht.

Wir sollten diejenigen beglückwünschen die ein gesundes Verhältnis zu ihrem Vater aufbauen konnten und sollten uns von ihnen eine Scheibe abschneiden und einfach versuchen normal weiter zu machen. Therapiestunden gibt es keine, aber, welch Glück, ist dieses ganze Schlamassel nicht vererbbar, aber nur, wenn man gut auf sich aufpasst und seine Zwänge unter Kontrolle bringt.

Wie war dein Tag Häschen?

Da war mal dieser Typ. Es war nicht irgendein Typ, aber er war auch nicht mein Freund. Wir waren irgendetwas dazwischen. An manchen Tagen waren wir mehr irgendwie und an anderen war da irgendwas. Ich mochte ihn. Am Anfang mehr, dann immer heftiger. An einem Tag, da war da mehr. Ich spürte es wie ich ihn ansah. Es hätte vielleicht eine dieser total romantischen Liebesgeschichten werden können. Dieser eine Abend wenn aus „tausendein Mal berührt“ plötzlich das große BUMM wird und man merkt wie sehr man den anderen immer um sich haben möchte. Es hätte klappen können, wenn er nicht diesen einen Fehler gemacht hätte. Er hatte dieses eine Wort irgendwo aus den tiefen seines Gehirns gegraben und noch bevor er die erste Silbe ausgesprochen hatte war ich schon aufgestanden. Als es dann im Raum wiederhallte, da ging ich. Gesehen habe ich ihn nie wieder. Vielleicht habe ich etwas überdramatisiert, aber es ist wie ein Albtraum. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dann halt das Wort in meinen Ohren wieder und wieder und lässt mich an die guten Zeiten mit uns erinnern.

Das Wort war ein Kosename, ein persönlicher Spitzname für mich, das „Premiumsiegel“ einer Beziehung. An dieser Stelle möchte ich euch bitten das Lachen zu verkneifen, die Situation ist ernst, tot ernst. So ein Kosename kann von einer Sekunde auf die Nächste alles zerstören. Aber wie stellt man es denn nun richtig an? Da gibt es die Klassiker: „Schatz“ – zu abgedroschen, „Spatz“ – komm schon, da bin ich doch eher ein Silberreiher meinetwegen noch ein Schwan, aber wirklich gesellschaftstauglich sind die Namen auch nicht. „Reich mir mal den Zucker mein Silberreiher.“ Ich hatte diesen Typen damals immer „Johnny“ genannt. Er hieß nicht Johnny. Er sah nur einfach aus wie ein „Johnny“ und es passte zu ihm. Gilt ein anderer Vorname schon als Kosename? Wenn ich Andere frage ob es eine Erklärung gibt, eine Geschichte, zu ihren Kosenamen, dann fällt den wenigsten wirklich etwas dazu ein. Die Meisten haben die Namen schon bei allen anderen Partnern benutzt. Gewohnheit wäre dann die Erklärung. Mir will auch einfach kein anständiger Kosename einfallen. Keiner mit dem ich wirklich zufrieden wäre. Ach, sollen mich die Männer doch nennen wie sie wollen Hauptsache sie bleiben ehrlich! „Zicke“ – gut, manchmal bin ich eine. „Dumpfbacke“ – ja, ich stehe zu meinem ab und an eintretenden Blödsinn.

„Johnny“ hatte mich an jenem Abend „meine Liebste“ genannt, was nicht ehrlich war. Ich war nicht SEINE Liebste. Ich war nur eine von vielen Liebsten die er hatte, das wusste ich, und ich war verletzt, weil es mir im Grunde gefallen hatte, aber es kam zu spät, denn wenn da, wie zu Beginn unseres irgendwas, nur ich gewesen wäre, dann wäre ich bei ihm geblieben. Vielleicht ist letztlich gar nicht der Name entscheidend, viel mehr der Zeitpunkt.

Die Kunst des Schwimmens

„Ich werde jetzt anfangen zu studieren. Irgendwas mit Medien.“ Es war lange her als ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Damals wollte sie noch „Irgendwas mit Menschen“ machen, zumindest hatte sie mir das mit Buntstiften in mein Poesiealbum gekritzelt. „Irgendwas mit Medien“ war es jetzt also. Sie war schon immer eine verdammt gute Schülerin gewesen, da ist es nur verständlich dass ihr alle Türen offen stehen wo sich für mich bereits einige geschlossen hatten. Und wenn ich von verschlossen rede, dann kein: „Ein leichter Windhauch wird die Türe gleich ins Schloss fallen lassen.“, sondern mehr ein: „Die Tür kracht mit einem so lauten Knall zu und zermalmt den Türrahmen gleich mit.“ – Sorte von verschlossen.

Wenn ich all diesen Leuten von damals begegne löst das bei mir immer eine Mischung aus Nervosität und Brechreiz aus. Ich werde nicht gerne an früher erinnert und noch weniger will ich daran erinnert werden wie sehr all die Anderen ihr Leben im Griff haben. Die haben alle diesen Plan, dieses große Ziel vor Augen. Entweder ist es veraltet und es ist dasselbe Ziel dass sie damals in mein Poesiealbum geschrieben hatten und sie schleppen es bereits seit der Einschulung mit sich herum, weil Mama und Papa das so wollen. Oder aber, es ist brandneu, gerade irgendwo am Straßenrand aufgeschnappt und mitgenommen. Ich hasse sie, all die Anderen und ihre dämlichen vorgefertigten Pläne! Merkt ihr nicht wie es euch einengt? Keinen Platz für Spontanität lässt? Merkt ihr nicht wie… ach was mache ich mir vor, verdammt, ich hätte auch gerne einen. Eine vorgefertigte Spur auf der ich gerade hin zum Ziel jogge. Während also die Frage zurück zu mir wanderte und sie mich fragte was ich denn jetzt so mache, da zuckte ich nur mit den Schultern, blickte zu Boden und antwortete: „Mal sehen was das Leben so für mich offen hält.“ Es ist eine banale Lüge die lebenslustiger klingt als sie letztlich ist. Schlicht und ergreifend habe ich keinen blassen Schimmer.

Es zieht mich in keine Richtung. Ich weiß woher ich komme, aber weiß weder wer ich wirklich bin und noch weniger wer ich mal sein will. Ich habe Angst davor mich festzulegen für irgendetwas. Ein Leben lang in eine Richtung? Wie fällt das manchen so leicht? Ich interessiere mich für vieles, bei weitem nicht alles. Ich mache viele Sachen gerne, aber nichts davon wirklich gut. Schule lässt sich mit den Worten: „Hauptsache bestanden“ in positiver Form abstempeln und besondere Talente habe ich auch keine. Was soll also aus mir werden, irgendwann? Ich kann nicht ewig in einem Meer von Möglichkeiten schwimmen ohne irgendwo das Ufer zu sehen, das ist nämlich verdammt anstrengend und will ich mit 30 immer noch herum planschen und sehen was kommt? Je länger ich brauche um mich zu entscheiden, desto mehr Türen fallen zu. Letzten Endes habe ich mich dann für eine Ausbildung entschieden. Eigenes Geld zu verdienen erschien mir vorerst richtig. Diesen Job aber für immer zu machen kann ich mir nicht vorstellen. Nach diesen drei Jahren schwimme ich also wieder und lasse mich mal an das eine Ufer schwappen, mal an ein anderes, aber wirklich ankommen tue ich nicht. Da erinnere ich mich wieder an diese Freundin von damals und dass sie nur noch ein Semester vor sich hat. Dann wird sie „Irgendwas mit Medien“-Managerin, während ich noch „sehe was das Leben für mich offen hält.“ Bisher war das nicht wirklich viel. Ich werde wohl einfach mein Abitur nachholen, versuchen es besser zu machen als damals, etwas anderes fällt mir gerade nicht ein, vielleicht ja nächstes Jahr. Diese neue Stadt in die ich gezogen bin gefällt mir und das ist vorerst gut so. Tatsächlich habe ich diese Freundin von damals bis heute nicht mehr gesehen, aber ich habe gehört dass sie schwanger geworden ist und ihr Studium abbrechen musste. Ich bin nicht schadenfroh, weshalb auch. Ich denke mir nur, dass ich vielleicht doch von Anfang an genau das Richtige gesagt hatte. Das Leben hat seinen eigenen Willen und vielleicht schwimmt es sich doch ganz gut ohne Ziel. Mal sehe ich wie die Sonne am Horizont untergeht und dann tauche ich unter und beobachte was so unter dem Meeresspiegel vor sich geht. Auch wenn es anstrengend ist und zeitweise etwas hilflos wirkt, aber Schwimmen kann ich. Mal mehr, mal weniger gut, aber untergehen werde ich nicht.